Modisches Mitgefühl
„Für mich war es wie eine Reise 30 Jahre zurück, als ich ein Geflüchteter war, wie nun andere Jungen und Mädchen mit ihren Eltern“, sagt Balenciagas Chefdesigner Demna Gvasalia, der im Alter von 12 Jahren aus seinem Heimatland Georgien wegen des Bürgerkriegs fliehen musste, über die Inspiration hinter der Herbst-Winterkollektion 2022. „Wenn ich meine Vergangenheit visuell darstellen müsste, dann wären es eben genau diese halb nackten Leute, die durch den Wind gehen.“ Mit Taschen, die an Müllsäcke erinnern, kämpfen sich zu kalt angezogene Frauen und Männer durch den Schneesturm – während die Modeszene sicher hinter einer Glasscheibe sitzt, abgeschirmt vom eiskalten „Laufsteg“ der Models.
Bereits die Einladung ließ vermuten, dass Chefdesigner Demna Gvasalia in diesen Zeiten keine klassische Fashionshow unkommentiert durchziehen wird. Ein altes iPhone 6 mit zersplittertem Display wurde an die Gäste der Balenciaga Show vorab geschickt. Zum einen als Symbol für die Privilegien der modernen Konsumgesellschaft und zum anderen ein Zeichen der Zerstörung des Alltags, wie man ihn bisher kannte.
Gegen den ersten Impuls, die Show abzusagen, entschied sich der Designer nach reiflicher Überlegung bewusst: „So hätte man dem Bösen nachgegeben.“