Eine Kolumne von Brunello Cucinelli

Vertrag mit dem Universum 

Nach den Monaten voller schmerzhafter Erfahrungen, auch für den Geist, öffnete sich am 9. November plötzlich eine neue Welt für mich. Voller Freude über die Ankündigung, dass bald ein neuer Impfstoff kommen wird, ging ich zu meinem 99-jährigen Vater und fragte ihn: „Was war der beste Tag in deinem Leben, mal abgesehen von Geburten in der Familie?“, und er sagte, mit Tränen in den Augen: „Der Tag, als der Krieg endete.“ Er war damals keine 24 Jahre alt, und zu wissen, dass der furchtbare Krieg tatsächlich vorbei war, machte ihn glücklich und zuversichtlich. Die Zukunft war zurück. Ich hatte dieses Gefühl am 9. November. Er war bewegt, ich war bewegt. Und vielleicht dauert es noch zwei Monate oder drei oder vier. Aber die Pandemie ist vorbei.

Brunello Cucinelli

Mit was lässt sie uns zurück? Ich glaube sehr an eine Rückkehr der Humanität. Der große Schmerz, den so viele erfahren haben, wird dazu führen, dass wir Arroganz und Ignoranz nicht mehr ertragen können. Die Skeptiker werden sagen: „Aber lernen die Menschen?“ Und ich antworte mit Marc Aurel: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine perfekte Menschheit gibt.“ Es wird immer eine Prozentzahl Negativer geben. Doch verglichen mit der vor noch ein, zwei Jahren sehe ich eine neue Welt am Horizont. Wir wenden Armut und Krieg nicht mehr den kalten Rücken zu, oder zumindest wesentlich seltener. Ich glaube, dass viele und besonders die jungen Leute darauf achten werden, was mir als Kind schon mitgegeben wurde: darauf zu achten, was ich herstellen kann, ohne der Schöpfung Schäden zuzufügen, um das Gleichgewicht zwischen Profit und Geschenk des Universums aufrechtzuerhalten.

Ich wurde in einer bescheidenen Familie am Land geboren, und dort, wo die Sterne abends viel heller leuchten, ist die Schöpfung viel intensiver zu spüren; wir erkannten intuitiv die großartigen Regeln der Harmonie des Universums. Also versuchte ich auch meine unternehmerische Tätigkeit im Kaschmir-Bereich unter Berücksichtigung von Ethik und Würde aufzubauen.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard prägte den Satz „der Glaube beginnt dort, wo das Denken aufhört“ und er plädierte dafür, dass die Menschen individuell und universell gleichzeitig sind, und das ist für mich ein besonderer Wert. Ich glaubte stets, dass die Menschheit ein Element des Universums sei; und das dachten auch die großen Männer der Vergangenheit – von Dante bis Galileo, die ich sehr schätze. Ohne Humanismus, meine ich, kann man nicht leben, und ich habe ihn zum treuesten Begleiter meiner Seele gemacht.

Für mich ist die Schöpfung ein fürsorglicher Hüter, in deren Schuld wir alle aufgrund ihrer großzügigen Geschenke stehen; ihr bin ich zu tiefstem Dank verpflichtet. Aber es scheint zu einer Art Kampf zwischen der Biologie und der Erde gekommen zu sein, die Schöpfung bittet um Hilfe. Daher sehe ich als moralischen Imperativ die Pflicht von uns Menschen, darauf zu reagieren; und dabei denke ich an eine Art neuen sozialen Vertrag mit der Schöpfung. Er ist eine Idee aus der Antike, die auf Platon und Aristoteles und außerdem auch auf spätere Gelehrte wie Thomas Hobbes, John Locke oder Rousseau zurückgeht.

Vielleicht haben wir einige Regeln der Natur vernachlässigt, haben wir die Harmonie verloren, die das Geben und Nehmen im Verhältnis zwischen uns und der Schöpfung ausglich, haben begonnen, sie aufzubrauchen, anstatt sie entsprechend der notwendigen Bedürfnisse zu nutzen, wie es Epikur predigte und wie es Hunderte Generationen vor uns machten. Ich möchte, dass die Kinder der Zukunft die Möglichkeit haben, auf einem Planeten zu leben, auf dem Tiere, Pflanzen und Wasser Zeit und Ort finden, um sich zu regenerieren, mit diesen großzügigen und heiteren Rhythmen, sodass der Planet wieder mit Sauerstoff und frischer Luft belebt wird. Auch das ist Humanismus. Der Wechsel steht bevor. Ich bin zuversichtlich.

Text
Brunello Cucinelli